Wie viel Verantwortung trägst du? Das Ziel der finanziellen Freiheit und Unabhängigkeit ist nüchtern betrachtet sehr egoistisch. Es berücksichtigt nicht die Gesellschaft und die Mitmenschen. Es baut auf die eigenen Fähigkeiten auf. Darauf, dass man sich selbst irgendwie in eine Position entwickelt, die es irgendwie erlaubt ein Leben unabhängig von Arbeitseinkommen zu leben. Doch ist dieses Ziel tatsächlich nur von seiner individuellen Leistungsfähigkeit und Willenskraft abhängig und überall auf der Welt umsetzbar?

Grundsätzlich sind alle Gesellschaften der Welt ähnlich aufgebaut. Robert Kiyosaki hat dieses Schema bereits gut erkannt und umfangreich in seinem Buch „Rich Dad, Poor Dad“ erklärt. Es gibt immer Arbeitnehmer, Selbständige, Geschäftsinhaber und Investoren. Was sich unterscheidet, ist das Verhältnis der einzelnen Gruppen und ihre Position im Kampf um Geld und Zeit.

Besonders in den sogenannten Wirtschaftsnationen haben Arbeitnehmer vergleichsweise starke Rechte und sind zudem durch umfangreiche Sicherungssysteme gegen Risiken wie Krankheit abgesichert. Zudem wird gesellschaftlich soziales System finanziert, dass es verhindert, dass Menschen ohne Arbeit verhungern müssen. In Deutschland ist dieses System noch zum Großteil staatlich organisiert, in vielen anderen Ländern wird es durch private Vereine getragen, die Lebensmittel spenden oder Unterkünfte bereit stellen. Selbständige leben ebenfalls von ihrem Arbeitseinkommen, aber sind nicht bei einem Arbeitgeber angestellt. Dafür haben sie mehr Freiheiten, aber auch weniger Schutz gegen Risiken wie Krankheit, sofern sie diesen nicht privat aufgebaut haben.

Beide Gruppen haben eines gemeinsam: Sie tauschen ihre Arbeitskraft und ihre Zeit gegen Geld. Wenn sie nicht arbeiten, verdienen sie also normalerweise auch nichts mehr.

Geschäftsinhaber oder Unternehmer sind häufig Menschen, die sich selbst ein Unternehmen aufgebaut haben oder eines übernommen haben. Sie sind in der Position, dass andere für sie arbeiten. Unternehmer selbst, treffen eher strategische Entscheidungen, werben neue Kunden an, beschaffen das Kapital zum Betrieb des Unternehmens oder erschließen neue Märkte. Investoren wiederum verfügen über freies Kapital, das sie Unternehmern bereitstellen, die ihr Geschäft ausbauen wollen. Als Gegenleistung erhalten sie einen Anteil vom Gewinn (Dividende) oder einen fixen Betrag vom Einsatz (Zins).

Was hat das mit der Lebensweise zu tun? Oder mit Verantwortung?

Ich frage mich, ob es in allen Ländern der Welt tatsächlich möglich ist, beliebig zwischen den Rollen zu wechseln. Denn diese Möglichkeit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, passives Einkommen aufzubauen. Wer finanzielle Freiheit erlangen will, wird entweder Unternehmen und lässt andere für sich Arbeiten oder er wird Investor und investiert sein Geld in (hoffentlich) profitable Unternehmen. Die meisten Dividenden-Strategien orientieren sich am letzten Fall: Ziel ist es, profitable Unternehmen zu finden, die regelmäßig einen teil vom Gewinn ausschütten.

Doch kann finanzielle Unabhängigkeit tatsächlich nur so aussehen?

Betrachtet man ärmere Gesellschaften, scheint es dort in der Tat viel schwerer zu sein, die Rolle eines Investors oder Unternehmers einzunehmen. Denn wer Geld investiert, benötigt auch den passenden Rahmen, um es einfordern zu können. In den Wirtschaftsnationen ist dieser Rahmen gesetzlich gegeben und wird durch den Staat und die Rechtssprechung garantiert. Doch was passiert bei korrupten Staaten ohne entsprechende Rechtssprechung? Können Menschen, die schon kaum ihre Lohnansprüche gegenüber dem Arbeitgeber durchsetzen können jemals in die Situation kommen, selbst Unternehmer oder Investor zu sein? Beispiele wie der Niedriglohnsektor und Leiharbeiter — zuletzt am Skandal bei Amazon — zeigen, dass selbst in starken Nationen wie Deutschland nicht jeder seine Rechte durchsetzen kann.

In solchen Ländern hat sich eine sichere Alternative entwickelt, die auf dem Familienband aufbaut. Eltern sorgen für ihre eigene Zukunft vor, indem sie sich passives Einkommen durch die Arbeit ihrer Kinder sichern. Während der Dividenden-Investor sein Vermögen auf Aktien aufteilt, verteilen die Menschen der „dritten“ Welt ihr „Vermögen“ auf möglichst viele Kinder — die einzige Gruppe der Gesellschaft, auf die sie ausreichend Einfluss ausüben können. Während wir auf Dividenden von Aktien hoffen, hoffen diese Eltern auf einen kleinen Rückfluss vom Arbeitseinkommen ihrer Kinder. Bei uns nennt sich das Generationenvertrag und bezieht sich auf die generelle Versorgung der Nicht-Arbeitenden wie Alte, Kranke oder Kinder durch die aktuellen Erwerbstätigen.

Kinder oder Aktien?

Man darf sich nun Fragen, ob die Investition in Kinder oder in Aktien die bessere Alternative ist? Rein numerisch betrachtet wird man allerdings feststellen, dass sich hier Aktien als die bessere Option darstellen. Warum?

Aktien sind Anteile an Unternehmen, in denen häufig mehrere tausend Mitarbeiter für den Gewinn arbeiten. Wenn man sich dann noch einen Aktienfonds ins Depot legt, wird man schnell sein passives Einkommen auf die arbeit einiger Millionen Menschen verteilen. Tod, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder persönliche Differenzen werden hier vergleichsweise minimale Auswirkungen haben.

Eltern können selbst im besten Fall nur schwer mehr als 10 Kinder aufziehen. Hinzu kommt, dass sie zuvor 10-20 Jahre investieren müssen, bevor überhaupt ein „Rückfluss“ zu erwarten ist. Wer früher krank wird oder ausfällt, hat ein Problem. Wem wird jetzt klar, warum Kinder schon mit 6-7 Jahren arbeiten müssen?

Wer trägt die Verantwortung?

Wer für seine eigene finanzielle Unabhängigkeit arbeiten kann, hat schon einen entscheidenden Vorteil. Gerade die Sozialsysteme der Industrienationen haben dafür gesorgt, dass wir viel von unserer Verantwortung in die Hände der Allgemeinheit übergeben konnten. Krankenversicherung oder Sozialversicherung sind hier wohl die wichtigsten Elemente, die es möglich machen, sich auf „höhere“ Ziele zu konzentrieren. Oder wer schafft es wirklich ausreichend zu Sparen, wenn in der Verwandschaft eine wichtige Operation ansteht, die ein kleines Vermögen kostet? Üblicherweise werden diese Gesundheitsausgaben aus dem eigenen Vermögen der Familie bezahlt. Wer es also geschafft hat, bis dahin etwas zur Seite zu legen, wird spätestens bei diesem Schicksalsschlag wieder bei Null anfangen, sofern er die Verantwortung für seine Familie übernimmt und sich nicht aus der Gemeinschaft völlig ausklingt.

Woher kommen wir?

Ich möchte mit diesen Gedanken niemanden Anklagen. Ich möchte niemandem Vorwerfen, dass er an dem Ziel der finanziellen Unabhängigkeit arbeitet. Für mich selbst ist dies eines der höchsten Ziele.

Was ich aber möchte, ist die Erinnerung an unseren Ursprung. Ich möchte, dass du dir bewusst bist, dass unsere Gesellschaft kein Allgemeinzustand ist. Ich wünsche mir, dass du verstehst, dass die Chance der finanziellen Unabhängigkeit, an der du arbeitest, nicht nur von deiner individuellen Situation abhängt. Deine Großeltern und deine Urgroßeltern haben dafür gearbeitet, dass die Gesellschaft heute so ist, wie sie ist. Sie haben den Grundstein gelegt, dass wir endlich in einer Situation sind, in der jeder frei entscheiden kann, wie er mit seinem Geld wirtschaftet.

Lass dich nicht von denen beeinflussen, die erzählen, dass Sozialsysteme und Staatsquoten die Ursache dafür sind, dass du 2 Jahre länger brauchst, um finanziell frei zu sein. Verstehe, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Sie sind die Grundlage dafür, dass du überhaupt die Chance hast, dieses Ziel zu verfolgen!

Eine Gesellschaft, die große individuelle Risiken auf den starken Schultern aller trägt, bildet die Basis dafür, dass die, welche Leistungsfähig genug sind, ihre eigenen Ziele verwirklich können, ohne dass die Schwachen leiden müssen.

Gewinnern geht es in jedem System gut. Wenn du wissen willst, wie gut eine Gesellschaft insgesamt funktioniert, schau dir an, wie es den Verlierern geht.

13 KOMMENTARE

  1. „Lass dich nicht von denen beeinflussen, die erzählen, dass Sozialsysteme und Staatsquoten die Ursache dafür sind, dass du 2 Jahre länger brauchst, um finanziell frei zu sein. Verstehe, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Sie sind die Grundlage dafür, dass du überhaupt die Chance hast, dieses Ziel zu verfolgen!“

    Stimmt das so? Die Hälfte der Sozialabgaben versickert in der Bürokratie. Ein nicht unbeachtlicher Teil fließt von einer Tasche der Mittelschicht in die andere. An vielen Stellen führen die Sozialsysteme sogar zu einer Umverteilung von Unten nach Oben. Es gibt meines Erachtens keinen Grund dieses unehrliche und heuchlerische System auch noch zu verteidigen.

    • Weil es Menschen gibt, die sich am Sozialsystem bereichern, schließt du darauf, dass das Sozialsystem mist ist? Traurige Logik, Robert 🙁

    • Nein weil der Verhältnis nicht mehr stimmt, ist das Sozialsystem Mist. Von jedem Euro der in das Sozialsystem geht, geht nur ein Bruchteil an die wirklich Bedürftigen. Der große Witz ist ja das die Leute, die meinen etwas vom System abgreifen zu können auch nicht wirklich davon profitieren. Beispiel Riesterente. Hier erhalten viele Leute Förderungen, die es gar nicht nötig hätten. Aber Dadurch dass die vor allem in viel zu teure Produkte investieren und die Gelder in anderen Assets besser angelegt wäre, profitieren die noch nicht einmal davon. Und das ist die Logik nach der das ganze System funktioniert.

    • Gerade die Riesterrente ist kein Beispiel für ein Sozialsystem sondern ein Beispiel dafür, wie man Sozialsysteme durch „Eigenverantwortung“ ersetzen will. Genau diesen Faktor meine ich im Artikel. Die wahren wichtigen Systeme sind gesetzliche Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung. In ihrer Einfachheit sind sie kaum zu überbieten. Alles andere ist zwar „nett“, aber bildet nicht den Kern unserer guten Gesellschaft.

      Egal wie ineffizient diese System sind. Sie werden mindestens doppelt so teuer, wenn sie auf privater Basis ausgestaltet werden.

    • Anhand der Krankenversicherung kann man doch sehen, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich zahle nur die Hälfte von dem Beitrag, den ich bei den Gesetzlichen zahlen würde, als PKV Beitrag.

    • Hast du denn bei der Rechnung auch Kinder, Arbeitslosigkeit und die Beitragssätze im Alter berücksichtigt? Ich gebe zu, dass ich die Beiträge in jungen Jahren auch interessant fand. Sobald man aber eine Familie haben will, wird die PKV, so weit ich das gesehen habe, schnell ziemlich teuer…

    • Und da sind wir wieder bei meinem Kritikpunkt: Der PKV-Beitrag entsprich tatsächlich, dem was ich an Gesundheitskosten verursache unabhängig von meinen sonstigen Lebensumständen. Das ist fair. In der GKV wird mal wieder Geld von einer Tasche in die andere verteilt. Warum sollen schlecht verdienende Singles wohlhabende Familien subventionieren?

      Mit Bedürftigkeit hat das alles nichts zu tun. Das Sozialsystem dient in erster Linie dazu Wahlgeschenke zu verteilen.

    • Ach Robert, du bist genau der Typ, der nicht versteht, dass ein Sozialsystem davon lebt, dass die „Starken“ die „Schwachen“ tragen. Das kannst du auch umverteilen nennen, wenn dir das Wort besser gefällt.

      Eine Gesellschaft kann sich nur weiterentwickeln, wenn sie auch Versagen und Fehler akzeptiert. Nur wer Fehler machen darf, kann etwas riskieren um dadurch neues zu schaffen.

      Dass Familien übrigens „wohlhabender“ sind als Singles, denkt wohl auch nur, wer keine eigene Familie hat 😉

    • „Ach Robert, du bist genau der Typ, der nicht versteht, dass ein Sozialsystem davon lebt, dass die „Starken“ die „Schwachen“ tragen.“

      Das geht vollkommen an meiner Kritik vorbei. Dass die Starken die Schwachen tragen würden, ist reine Rhetorik und hält schlicht den Fakten nicht stand. Das ist der Kern meiner Kritik.

      Du versteht auch nur das was du verstehen willst: Warum sollen schlecht verdienende Singles wohlhabende Familien subventionieren? = Diejenigen Singles, die unterdurchschnittlich verdienen, subventionieren die Familien, die überdurchschnittlich verdienen. Ist das Fair?

    • Nein das ist nicht fair. Aber ich verstehe nicht, wie du es besser haben willst. Nach deinen Aussagen hier verstehe ich, dass jeder sich um sich selbst kümmern soll, weil sich im Sozialsystem immer ein paar Schmarotzer mit bereichern.

      Dann schau dir doch mal die Länder an, in denen es solche Systeme nicht gibt. Die armen Singles finanzieren dort immer noch reichen Familien. Nur dass die armen Singles dort nix zu beißen haben.

      Wie gesagt: Den „Starken“ geht es in jedem System gut.

    • Das Sozialsystem in Deutschland wir in der Literatur als korporatistisches Modell eingeordnet. Für ein korporatistisches Modell ist es charakteristisch, dass die Leistungen nach der Zugehörigkeit zu bestimmten Subgruppen verteilt werden und verschiedene Systeme nebeneinander bestehen. Abhängig Beschäftigte erhalten einen anderen Typ von Rente als Selbständige oder Beamte usw. Der Nachteil von korporatistischen Systemen ist, dass sich verschiedenen Interessensgruppen bilden, die gegeneinander ausgespielt werden. Die ganze unnötige Komplexität in unseren Sozialsystemen (z.B. 80 Instrumente zur Förderung von Familien, obwohl ein einziges genau das gleiche Leisten könnte) ist der Auseinandersetzung dieser Interessensgruppen geschuldet. Eine Alternative wäre zum einen das Modell der Basisabsicherung oder das ein allumfassendes System. In solchen Systemen gibt es nur wenige Leistungen die für alle gleichermaßen zugänglich sind. Im Fall der Basisabsicherung ist die Leistungen beitragsunabhängig im allumfassenden System erhalten steigen die Leistungen mit den Beiträgen. Ein Beispiel für eine Basisabsicherung wäre z.B. eine Steuerfinanzierte Basisrente. Das wäre das von mir favorisierte Modell.

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