Bei vielen Privatanlegern geistert ein Szenario immer wieder durch den Kopf: „Was ist, wenn ein Crash kommt und alles weg ist?“ Je größer das Vermögen wird, desto gefährlicher wird das Totalverlust-Szenario. Doch wie realistisch ist dieser Fall tatsächlich und wie kannst du dich davor schützen?
Was war passiert?
Neben meinem eigenen Depot handle ich regelmäßig auch neue Strategien mit Spielgeld. Denn nur so kann ich mich austoben und Ideen in der Praxis auf ihre Tauglichkeit untersuchen.
Nachfolgend möchte ich als Beispiel ein solches Depot heranziehen, in der ich eine stark gehebelte Strategien mit maximaler Auslastung der Margin gehandelt habe.
Zunächst möchte ich feststellen, dass diese starken Verluste nicht durch meine Optionsstrategie entstanden sind, über die ich seit Anfang des Jahres hier öffentlich berichte. Ich arbeite hier zwar auch mit leichtem Hebel, aber der Puffer für eine derartig kritische Situation ist wesentlich größer.
Parallel teste ich auch weitere Strategien. Und hier habe ich auch den entscheidenen Fehler gemacht.
Ich möchte kurz auf die Depotentwicklung der betroffenen Woche eingehen. Am 19. August wanderten die Kurse erst leicht abwärts und das Depot verlor gegenüber dem Vortag knapp 4,8 Prozent. In den folgenden Tagen beschleunigte sich der Absturz rasant und erreichte in der Spitze einen Tagesverlust von über 33 Prozent. Für eine Vorstellung, was wirklich passiert war, spricht nachfolgende Grafik bereits Bände:

Im gleichen Zeitraum hat der EuroStoxx 50 beim Absturz von 3.480 Punkten bis auf 2.960 Punkte etwa 15 Prozent verloren. Erst danach haben sich die Kurse wieder stabilsiert.

Zudem ist im gleichen Atemzug die Volatilität von etwa 15 im Tagesverlauf auf über 40 angestiegen und hat sich damit fast verdreifacht (Im Chart sind die Tagesspitzen leider nicht so richtig sichtbar). Für Optionen heißt dies grob überschlagen, dass sich die Prämienhöhe ebenfalls verdreifacht hat.

Durch diese Kursentwicklung sind bei mir zwei Dinge durchgeschlagen: Ich war mit relaiv hohem Hebel (größer Faktor 2) investiert und habe auf den EuroStoxx 50 Put-Optionen verkauft. Diese lagen bei 3.550, 3.350 und 3.150 Punkten.
Nach unten habe ich als Schutz gegen fallenden Kurse einige Bear-Put-Spreads als Versicherung platziert. Das heißt, ich habe einen Put bei 3.200 Punkten gekauft und einen weiteren Put bei 3.000 Punkten verkauft, um einen Teil der Kosten gegenzufinanzieren. Damit wäre mein maximaler Schutz 2.000 Punkte gewesen. Weitere Spreads hatte ich 3.000 und 2.850 Punkten.
Das Problem bei diesem Setup: Ich war auf sehr stark fallende Kurse überhaupt nicht vorbereitet!
Wie konnte es dazu kommen?
Der schmerzliche Verlauf ist aus einem wesentlichen Grund entstanden: Ich hatte die Optionen, die ich verkauft hatte, nicht genügend abgesichert! Dadurch hatte ich einige Kontrakte „nackt“ im Depot, also ohne Versicherung. Bei einem EuroStoxx-Kontrakt zum Kurs von 3.500 Punkten heißt dies, dass man im schlimmsten Fall rund 35.000 Euro bezahlen müsste, wenn der Index auf 0 fällt (3.500 Punkte mal 10 Euro).
Ich arbeite am Markt als Stillhalter. Das heißt, ich verkaufe Versicherungen und mache meinen Gewinn mit der eingenommenen Prämie. Das heißt aber auch, dass der mögliche Gewinn vorab auf die Prämie beschränkt ist, während der Verlust theoretisch unbeschränkt ist.
Das hat folgende Ursachen: Beim Verkauf eines Put-Kontraktes erhält man etwa 500 Euro Prämie. Damit ließe sich ein fallender Index um 50 Punkte verlustlos verschmerzen. Darüber hinaus ist die Prämie verbraucht. Fällt der Index um 150 Punkte, würde der Verlust bereits dem Doppelten der eingenommenen Prämie entsprechen (150 Punkte * 10 – 500 Euro Prämie = 1.000 Euro).
Allerdings haben Optionen während der Laufzeit zwei weitere Komponenten, die ihren Preis bestimmen: Der Zeitwert und der Risiko-Zuschlag (Volatilität). Beides ist in der Prämie enthalten. Der Zeitwert nimmt während der Laufzeit stetig ab, während der Risikozuschlag abhängig von den Marktbewegungen sich ständig ändert.
Was passierte beim Crash?
- Der Kurs sackt um viele Punkte in den Keller und damit schmilzt der Puffer zusammen, der aus den eingenommenen Prämien besteht. Dadurch entstehen zunächst wie bei Aktien hohe Buchverluste.
- Der Risikozuschlag erhöht sich deutlich (in diesem Fall um Faktor 3) und lässt den Rückkaufwert der Optionen ebenfalls deutlich steigen. Dadurch erhöht sich der Buchverlust erneut.
Mit steigenden Buchwerten der Optionen steigen aber auch die Anforderungen an die zu hinterlegende Sicherheit (Margin). Im schlimmsten Fall reicht diese nicht mehr aus und es werden Positionen automatisch geschlossen. Dies passiert dann meist zu den ungünstigsten Momenten.
Wenn das hinterlegte Kapital nicht mehr ausreicht, um alle Positionen zu schließen, kann es im schlimmsten Fall sogar zur Nachschusspflicht kommen. Davon war ich aber zum Glück noch entfernt.
Mein Problem war, dass ich nicht alle verkauften Optionen abgesichert habe. Dadurch wuchsen die Margin-Anforderungen deutlich an. Wären die Kurse weiter gefallen, hätte ich womöglich das gesamte Depot mit noch höheren Verlusten liquidieren müssen.
Um dies zu verhindern, sah ich mich genötigt, viel zu spät noch Versicherungen teuer nachzukaufen. Dadurch konnte ich zwar den maximalen Verlust beschränken. Aber den hohen Preis für die Absicherung werde ich nur langsam wieder einspielen können.
Ich habe nach den ersten Notfall-Handlungen das Wochenende damit verbracht, mir verschiedene Auswege zu überlegen. Diese hängen davon ab, ob man mit weiter fallenden Kursen rechnet oder mit einer Erhohlung. Allerdings nehme ich mir nicht heraus, abschätzen zu können, ob die Märkte steigen oder fallen werden.
Was habe ich also getan?
- Ich habe Aktienpositionen verkauft, um Raum für Margin zu schaffen.
- Ich habe die fehlenden Absicherungen teuer nachgekauft um den Verlust zu reduzieren. Beim nächsten Mal werde ich hier kurzfristig mit Futures arbeiten, das hätte mir einigen Stress erspart.
- Ich habe offene Short-Call-Optionen geschlossen, die weitgehend wertlos geworden sind. Das schafft ebenfalls Margin.
Damit ließ sich das Depot nun vollständig gegen fallende Kurse absichern.
Im nächsten Schritt galt es zu überlegen, wie ich die Verluste wieder reduzieren kann, ohne das Risiko weiter zu erhöhen. Dazu habe ich mich entschieden, Long-Calls auf ausgewählte Aktien zu kaufen. Die Kosten dafür sind sehr gering, wenn es weiter abwärts geht, der mögliche Gewinn ist dafür aber um ein Vielfaches höher.
Gleichzeitig ist mein Ziel, unbeschadet den September-Verfall zu erreichen. Dazu werden bei fallender Volatilität weiterhin Short-Positionen abgebaut.
Was kannst du aus dieser Katastrophe lernen?
Ich selbst habe in der letzten Woche viel über mich selbst gelernt. Zunächst muss ich feststellen, dass emotionale Stärke, Besonnenheit und Ruhe ein sehr wichtiges Kriterium darstellen, um in der Krise angemessen reagieren zu können. Ich habe bei mir gemerkt, dass ein Depot, das um 50 Prozent dahin schmilzt, kein leichter Anblick ist. Immer mal wieder tauchten kurz die Gedanken auf: „Augen zu, nicht mehr ansehen und hoffen, dass alles gut wird!“
Aber Hoffnung und Glück sind keine Kriterien, an die ich meinen langfristigen Börsenerfolg binden möchte.
Mitgeben möchte ich dir an dieser Stelle sechs wesentlichen Erkenntnisse:
- Höre auf zu glauben, dass du Marktbewegungen vorhersagen kannst. Das kann niemand. Was man aber kann, ist die Sonderangebote zu nutzen.
- Spare dir das Geld, Aktien abzusichern. Es kostet viel und bringt wenig.
- Augen zu und den Crash durchstehen funktioniert, wenn du ausschließlich Aktien kaufst und keinen Hebel in Form von Krediten oder ähnliches verwendest. Gerade bei der Dividenden-Strategie bieten sich in solchen Momenten Chancen für günstige Nachkäufe.
- Ich bin froh, dass ich einen geteilten Ansatz verfolgt habe: Ein Depot für meine Dividenden-Aktien und ein Depot für die Optionsgeschäfte. Damit bleibt immer ein Teil des Vermögens im sicheren Hafen.
- Put-Optionen werde ich in Zukunft nur noch zu 100 Prozent abgesichert verkaufen. Diese Absicherung verhindert insbesondere, dass große Vola-Anstiege und Kursrutscher nicht sofort die verfügbare Margin auslasten. Nur so kann ich mir den notwendigen Spielraum für weitere Trades erhalten.
- Wenn die Restlaufzeit nun noch kurz ist, werde ich meine Positionen konsequent schließen. Der Spielraum für weitere Korrekturen ist aufgrund der geringen Prämien und Zeitwerte sonst einfach nicht groß genug.
Zum Schluss stimmt es mich traurig, wenn ich ans Jahresende denke. Meine Performance sah bis Anfang August sehr vielversprechend aus, wird nun aber deutlich hinter meinen Erwartungen zurück bleiben.
Ich bin aber froh, an Erfahrung gewonnen zu haben. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, Fehler möglichst früh zu machen, wenn sie noch korrigierbar sind. Ich mag mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich diese Situation im hohen Alter gehabt hätte. Dann wären jetzt 50 Prozent meiner Altersvorsorge in Luft aufgelöst.
In jedem Fall weiß ich jetzt noch besser, dass meine Strategie funktioniert. Richtig abgesichert, wären die Verluste vergleichsweise klein gewesen. Aber was sind schon „hätte, wäre, wenn“?
Ich bin optimistisch, dass ich in Zukunft noch effektiver und sicherer handeln werde. Vielleicht werde ich in Zukunft noch mehr dazu schreiben, wenn das Interesse groß genug ist…



